Schule, Bildung und Freiheit

Schule, Bildung und Freiheit

von Manuela Fischer-Scholl

neu überarbeitet   – in abgewandelter Form erschienen in der Zeitschrift LICHTFOKUS Winter 2015 –

Schule in Deutschland ist im Großen und Ganzen noch auf dem Stand von vor 100 Jahren. Damals, im preußischen Reich, wurde die Schule für das Industriezeitalter entwickelt. Alle lernen gehorsam im Gleichschritt und ordnen sich der Autorität eines Lehrers unter.

Seit dem hat sich an der Schule nicht viel verändert. Nur die Kinder und Jugendlichen haben sich stark verändert – wie wir alle wissen und spüren können – und damit auch deren Bedürfnisse. Aber Politik, Wirtschaft und auch viele Eltern wollen oder können dies nicht anerkennen und machen mit ein paar Veränderungen einfach so weiter.

Ich denke, es braucht einen tiefgreifenden Wandel, mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen in Schule und später auch an der Uni eine freie, zeitgemäße und selbstbestimmte Bildung zu ermöglichen.

Es ist in der Tat fast ein Wunder, dass die modernen Methoden des Unterrichtens die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben.

Denn diese zarte, kleine Pflanze bedarf, außer dem Ansporn, hauptsächlich der Freiheit.

Ohne diese geht sie ohne Zweifel zugrunde.“

Albert Einstein

 

Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt, habe Menschen kennengelernt, die ganz andere Wege gehen und auch wertvolle Erfahrungen an freien, aktiven Schulen gesammelt. Und ich glaube es ist höchste Zeit endlich die alten ausgetretenen Pfade unseren Kindern zuliebe zu verlassen! 

An dieser Stelle folgt zuallererst ein Exkurs zu den von Rudolf Steiner gegründeten Waldorfschulen, die in Deutschland sehr verbreitet sind und sich auch von anderen Schulen vor allem in ihrer spirituellen (antroposophischen) Ausrichtung ziemlich unterscheiden. 

Wen die Waldorfschul-Thematik nicht interessiert, der möge bitte ab der nächstfolgenden orangenen Überschrift wieder weiterlesen *** da geht es dann um allgemein neue Wege – Danke!

*** Meine eigenen vier Kinder besuchen eine Waldorfschule. Im Vergleich zu „normalen“ staatlichen Schulen bieten diese einige Vorteile: Leistungsdruck wird minimal gehalten, das Kind steht im Mittelpunkt und wird ganzheitlich angesprochen durch Angebote wie Werken, Handarbeit usw.. Kinder haben ihren Lehrer viele Jahre und können so eine stabile Beziehung aufbauen, die seelische Ebene von Kindern wird durch die Menschenkunde von Rudolf Steiner anerkannt und mit einbezogen in die Schullaufbahn.  

Meiner Ansicht nach ist es allerdings höchste Zeit für ein „Update“ in der Waldorfpädagogik. Rudolf Steiner hat meisterhaft sehr wertvolle Impulse gesetzt und unglaublich viel spirituelles Wissen verbreitet, dafür gebührt ihm großer Dank und Anerkennung! Dies geschah in einer Zeit vor rund 100 Jahren. Damals haben die Menschen noch ein ganz anderes Bewusstsein gehabt. Vieles ist in Waldorfschulen bis heute fast unverändert geblieben, z. B. die Rolle des Lehrers als „geliebte Autorität“ (gelingt bei den Kindern heute nicht mehr so einfach…), man orientiert sich nach wie vor fast ausschließlich an dem von Rudolf Steiner entwickelten Waldorf-Lehrplan. Nicht das alles zu kritisieren ist, nein darum geht es nicht! Nach wie vor ist die Waldorfschule eine gute Alternative zu den bestehenden normalen staatlichen Schulen und in der Tat gibt es die herzlichen und engagierten Lehrer, die Ihr „Bestes“ für die Kinder geben, ganzheitliche und sinnerfüllte Schulaktivitäten, Gemeinschaftsförderung statt Konkurrenz, das Kind steht im Mittelpunkt und nicht die Vermittlung von Wissen, usw.  Heute nur, so glaube ich, würde Rudolf Steiner, anders sprechen und lehren, vor allem was die Waldorfpädagogik und die Bedürfnisse der Kinder betrifft. Denn Kinder und Jugendliche sind im Vergleich zu früher sehr oft alte Seelen und bringen aus der geistigen Ebene ein viel größeres Wissen, Individualität und Reife mit. Durch dieses erweiterte Bewusstsein passen sie nicht mehr so einfach in manch starr gewordenes Schema hinein, einige Erziehungs- und Unterrichtsmethoden sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Ich glaube es ist an der Zeit, mutig neue Wege zu gehen, damit die Waldorfschule mit Ihrem Potential auch in Zukunft eine empfehlenswerte Alternative zu den derzeit existierenden staatlichen Schulen ist. *** (Ende Waldorfthema)

Aber braucht es denn überhaupt eine Schule?

Hier meine Meinung: Nein – das System Schule ist in seiner herkömmlichen Form nicht mehr zwingend notwendig! Aber in Deutschland herrscht strikter Schulzwang (besser gesagt Schulanwesenheitspflicht). Viele Menschen glauben das Kinder nur in der Schule etwas lernen können, das nur mit Schule „etwas aus ihnen wird“. In Baden-Württemberg herrscht Schulzwang bis zum 18. Lebensjahr! Ist das wirklich notwendig und zeitgemäß? 

In einigen Kantonen in der Schweiz ist es Eltern erlaubt, ihre Kinder auch zu Hause lernen zu lassen. Ich bin öfters in der Schweiz, wo ich hautnah erleben kann, wie Kinder ohne Schule glücklich und selbstbestimmt aufwachsen und freiwillig sehr viel lernen, im Alltag, zu Hause oder in der Natur!

Auch in Deutschland gibt es ímmer mehr Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken (es gibt ein paar Schlupflöcher), nicht selten gibt es aber von Seiten der Schulbehörden Zwangsmaßnahmen bis zum Entzug des Sorgerechtes! Die Vorgehensweise der Schulbehörden ist leider oft ungewöhnlich hart. Etliche Familien wollen dem System entkommen und wandern aus.

In anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, Italien, England oder auch Kanada und USA ist es ebenfalls möglich, Kinder zu Hause lernen zu lassen bzw. von deren Eltern zu unterrichten. Das wird dann offiziell Homeschooling genannt.

Natürliches Lernen – freie Bildung

Was ist natürliches Lernen? Von klein auf haben sich Kinder krabbeln, sprechen, spielen, laufen usw. selbst beigebracht. Manche Kinder können schon im Kindergarten lesen und rechnen, weil sie es einfach lernen wollten.

Was ist passiert? Die Kinder haben in ihrem ureigenen Tempo selbstbestimmt und spielerisch gelernt, nun kommen sie meist anfangs noch begeistert in die Schule und fortan bestimmt ein anderer, wie, wann, wo und was sie zu lernen haben. So werden sie immer passiver, fremdbestimmter und die Motivation muss durch äußere Druckmittel, wie z. B. Noten, künstlich erzeugt werden.

Um im System Schule bestehen zu können, passen sich viele an, verändern sich, weil es scheinbar so sein muss. Gott sei Dank rebellieren auch viele. Aber am Ende der Schullaufbahn müssen viele Jugendliche erst mal wieder viel Kraft und Zeit investieren, um sich selbst wiederzufinden, sich zu befreien und zu ent-schulen, um zu erkennen, wo Ihre wirklichen Talente und Fähigkeiten liegen – wo Ihre Potentiale.

Hier einige konkrete Vorschläge für eine zeitgemäße, freie Bildung zum Wohle der Kinder und Jugendlichen:

  • Grundlegend: Die staatliche Schulanwesenheitspflicht wird ersetzt durch ein Recht auf selbstbestimmte Bildung!

    Dadurch entstehen vielfältige Bildungsmöglichkeiten. Es wird unter anderem die Freiheit und Verantwortung der Familien gestärkt und sie können sich entscheiden, ihre Kinder auch zu Hause lernen zu lassen. etwa mit natürlichem freiem Lernen, auch „Unschooling“ (nach dem Begründer John Holt) oder Freilernen genannt – das Kind lernt und entfaltet sich aus eigenem inneren Antrieb, die Eltern wirken unterstützend als Lern- und Lebensprozessbegleiter. Beim sogenannten „homeschooling“ dagegen wirken die Eltern als aktive Lehrer mit. (In`s „Unschooling“ kann man bei www.pro-lernen.ch wunderbar eintauchen!) 

  • Es gibt eine große Auswahl an den verschiedensten (wirklich) freien Schulen (z. B. Sudbury Valley Schulen, Montessori-Schulen, aber auch ganz andere freie Schulen, die erst noch entstehen werden), wo Kinder auf vielfältige Art und Weise für das Leben lernen können (ohne Druck und Angst) und vor allem ihr individuelles mitgebrachtes Potential entfalten können! (damit muß aber nicht unbedingt ein Studium verbunden sein..)

  • Der Staat unterstützt die Öffnung einer zukunftsorientierten Bildungslandschaft, sowohl finanziell als auch ideell. Derzeit ist es sehr schwierig, eine freie Schule zu gründen.

  • Jedes Kind ist einfach individuell und es sollte sich in seinem ur-eigenen Tempo entwickeln dürfen. Altersgetrennte und gleichgeschaltete Klassen sind von daher nicht mehr zeitgemäß. Ältere Kinder können zu Vorbildern für die Jüngeren werden, man steht nicht mehr in Konkurrenz, sondern lernt gemeinsam und voneinander.

  • Jedes Kind ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit zu wahren sollte mit das Ziel eines jeden Bildungsweges sein.
  • Lehrer oder Lernbegleiter verfügen über genügend Beziehungskompetenz (d.h. sie übernehmen die volle Verantwortung für eine gelungene Schüler-Lehrer-Beziehung) und natürlicher Autorität. Sie brauchen kein Belohnungs- und Bestrafungssystem. Verabschieden wir uns von der alten Gehorsamkeitskultur. Hierzu bedarf es Menschen, die Vertrauen haben und bereit sind, Verantwortung für sich zu übernehmen, alte Muster loszulassen und neue gleichwürdige Beziehungen auf Augenhöhe leben wollen.

  • Freiräume sind geschaffen. Kinder und Jugendliche können in freien Schulen, Lernbüros, selbstgewählten Gemeinschaften, „draußen in der Welt“ und auch zu Hause ihrer natürlichen Neugier und Begabung folgen. Sie dürfen selbstbestimmt alles lernen, was sie interessiert und was sie wirklich zum Leben brauchen und dabei noch eine unbeschwerte Kindheit erleben. Vor allem die Bedeutung des freien Spiels als eigentliche Urform des Lernens wird wieder wertgeschätzt und gelebt (siehe Peter Gray)!

  • Und Lernen ist ein lebenslanger Prozess, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans. Eigentlich können wir gar nicht nicht lernen. Aber ohne dieses Beschulungs-Zwangs-System bleibt die intrinsische Motivation des Lernens auch im Erwachsenenalter deutlich mehr erhalten.

  • Jedes Kind wird in seinem So-Sein angenommen und entsprechend mit Angeboten versorgt und begleitet. So fühlen sich auch Kinder, die jetzt in der Verhaltensproblem-Schublade stecken wahrgenommen – gleich ob verhaltensoriginell, hochsensibel, sensitiv, hyperaktiv. Hier bietet sich die Chance, das Kinder wieder zurück zu ihrer Mitte, zu sich selbst, finden.

Dadurch, dass es keinen Schulzwang mehr gibt, lernen die Kinder und Jugendlichen freiwillig an dem von ihnen selbstgewählten Ort. Dieser Druckabbau wäre eine große Erleichterung und würde Mobbing und Gewalt in Schulen sehr stark zurückgehen lassen, wahrscheinlich ganz verhindern. Die Begeisterung und Freude am Lernen und am Spielen würde zurückkehren – Kinder würden einfach glücklicher werden bzw. sein!

Vor allem auch Jugendliche können schon viel früher hinaus in die „freie Welt“, sich erfahren, Verantwortung übernehmen, experimentieren, erforschen, genügend Zeit haben sich selbst zu finden, eigene Projekte starten – sie werden nicht mehr in einer „künstlichen Welt“ klein gehalten, bevormundet und belehrt. So kann auch manche sogenannte „Null-Bock-Stimmung“, „Pubertätskrise“ oder gar schon Depression in diesem Alter verhindert werden. Das Leben kann wieder mehr „Sinn“ bekommen.

Solche freie, selbstbestimmte und selbstbewusste, kreative Menschen sind unsere Zukunft, junge Menschen die noch wissen wer sie sind und was sie wollen – öffnen wir uns also vertrauensvoll für neue Wege – es ist an der Zeit!

„When I was 5 years old, my mother always told me that happiness

was the key to life.

When I went to school, they asked me what I wanted to be when I grew up.

I wrote down „happy“.

They told me I didn`t unterstand the assignment,

and I told them they didn`t unterstand life.“

John Lennon

Als ich 5 Jahre alt war, erzählte mir meine Mutter immer wieder, dass es im Leben darum geht glücklich zu sein. In der Schule fragten sie mich, was ich werden möchte als Erwachsener. Ich schrieb auf: „Glücklich“. Sie sagten mir, ich hätte wohl die Aufgabe nicht verstanden, und ich antwortete, sie verstehen das Leben nicht.

Meine Buchempfehlungen:

Das Wahren der Einzigartigkeit“ Bruno und Doris Gantenbein

„Befreit lernen“ Peter Gray

„Das wird Schule machen“ Andreas Reinke (vor allem hilfreich für LehrerInnen)

Das glückliche Kind“ Steven Harrison

Das Teenager-Befreiungs-Handbuch“ Grace Llewellyn

Schulinfarkt“ Jesper Juul

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Bitte beachten: Mir liegt es fern, jemanden anzugreifen, zu beschuldigen oder für dieses System verantwortlich zu machen. Irgendwie haben wir es alle „erschaffen“ und unterstützen es noch immer. So warten wir also nicht nur auf die Veränderungen von außen, sondern beginnen mit dem kritischen Hinterfragen des Systems Schule und unserer Haltung Kindern und Jugendlichen gegenüber. Sie brauchen dringend unsere Unterstützung.

Wenn Sie/Dich mein Artikel anspricht und Sie/Du ebenfalls daran interessiert bist/sind, etwas für diesen tiefgreifenden Wandel beizutragen bzw. sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun, so würde ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme oder/und auch einen entsprechenden Kommentar (auch kritische sind willkommen!) am Ende dieses Textes sehr freuen!

Mit hoffnungsvollen Grüßen

Manuela Fischer-Scholl

Ein Gedanke zu „Schule, Bildung und Freiheit“

  1. Liebe Manuela

    Herzliche Gratulation zu diesem gelungenen Artikel.

    Ja, Kinder sind ganz zarte, wundervolle Wesen. Statt sie alle in die gleiche Form pressen zu wollen, sollte man viel eher ihre Einzigartigkeit zulassen und wahren.

    Wie sagte der Dalai Lama so treffend: Die Welt braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Unsere Welt braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebe aller Art.

    Herzliche Grüsse aus dem Appenzellerland.
    Doris

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